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08.08.2017 - Kategorie: LD online, Chile

LD online: Lutherisch sein im Paradiestal




Die lutherischen Kirchen Chiles auf dem Weg in die Zukunft

 

von Martin Bek-Baier

 

Auszug aus dem »Lutherischen Dienst« 3/2017



Lutherischer Dienst 3/2017

Gemeindepfarrer Rudolfo Olivera Obermüller vor dem Graffiti seiner Kirche. – Bild: Bek-Baier

Pfarrer Hans Zeller blickt über die Dächer von Valparaiso, im Hintergrund der Pazifik. – Bild: Bek-Baier

Pfarrer Hans Zeller ist Referent von Mission EineWelt aus Neuendettelsau/Bayern für die lateinamerikanischen Kirchen. Er vertritt die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Bayerns auf seiner Visitationsreise. In erster Linie besucht er Volontäre, Freiwillige, die in Lateinamerika, diesmal in Chile, in kirchlichen und sozialen Projekten arbeiten. In Chile trifft er dabei auf die kuriose Situation, dass zwei lutherische Kirchen nebeneinander existieren. Seit vielen Jahren versuchen sie zusammenzuwachsen.


Man meint, man ist im Schwarzwald. Die Kirche Heiligkreuz von 1897 sieht im Innenraum aus, als stünde sie in Deutschland: Dunkles, leicht verziertes Gebälk, Empore und Bänke. Hie und da ist ein Bibelvers auf das Holz gemalt. Daher ist die evangelisch-lutherische Heiligkreuz-Kirche auf dem Gipfel des beliebtesten Hügels der Stadt Valparaiso in Chile ein Touristenmagnet. Über diese Hügel liegen die bunten Häuser verstreut und ziehen sich verschlungene Straßen und verwinkelte Gassen auf und ab. Die Wände der alten Gebäude und vieler Mauern sind mit ungezählten phantasievollen Graffitis bemalt. Es gibt viel zu sehen in der Hafenstadt am südlichen Pazifik, die zu Deutsch Paradiestal heißt.

»Die Kirche wurde nach schweren Erdbeben erst kürzlich wieder renoviert«, erzählt der Gemeindepfarrer Rudolfo Olivera Obermüller. Die Region litt in der jüngsten Vergangenheit unter Naturgewalten. Ein heftiges Feuer hatte erst im Januar Bezirke der Stadt getroffen, in der auch Gemeindeglieder der Kirche leben.

Heiligkreuz gehört zur »Lutherischen Kirche Chiles« (ILCH) und ist eine GrĂĽndung deutscher Einwanderer im 19. Jahrhundert. Es ist die erste und somit älteste protestantische Kirche Lateinamerikas mit Glockenturm und Glocke. Begeistert zeigt Pastor ObermĂĽller seine Kirche. Besonders das alte Uhrwerk, das Zifferblatt und Glocken steuert, hat es ihm angetan. Es funktioniert wie am ersten Tag. Die Glocke, zu der der Pfarrer selbst hinauffĂĽhrt, ist die einzige in ganz Lateinamerika, die nicht fĂĽr eine katholische Kirche gemacht wurde. »Die Orgel ist von 1884 und somit sogar etwas älter als die Kirche«, erzählt ObermĂĽller. Sie hat die Gemeinde von der benachbarten anglikanischen Gemeinde.

Ein Kuriosum der Kirche ist eine funktionstüchtige Badewanne, die auf dem Kirchendachboden fest installiert ist. Obermeier vermutet, dass sie aus der Bauzeit der Kirche stammt. Ob sie aber für die Reinlichkeit der ersten Pfarrer spricht oder ob sie lediglich zum Sammeln des Regenwassers vom Kirchendach bestimmt war, weiß keiner mehr zu sagen. Eine Zisterne für Löschwasser im Falle eines Dachstuhlbrandes?

Rudolf Obermüller hat deutsche Vorfahren. Das hier ist »seine« Kirche. Er wurde hier getauft, konfirmiert und getraut. Und, so sagt er, hier will er einmal beerdigt werden. »Die Deutschen wollten früher hier unter sich bleiben«, erzählt Pastor Rudi, wie er meist genannt wird. »Die deutsche Gemeinde ist auch heute noch etwas altmodisch.« Aber das ist im Sinne von traditionsbewusst nicht immer etwas Negatives. Mitten in den Gemeinderäumen hängt selbstbewusst ein Mosaik der Lutherrose.

Auch wenn er bewusster Lutheraner ist – ObermĂĽller genieĂźt einen Ruf als progressiver Pfarrer. Dadurch ist er hier sehr beliebt. Manchmal halten Pastor ObermĂĽller oder Vikar Miguel Angel Gottesdienste auf Englisch fĂĽr groĂźe Gruppen. Oft auf Deutsch. Begehrt sind hier in der romantischen Kirche aus dem 19. Jahrhundert Trauungen bei Paaren aus England, USA, Deutschland oder auch Schweden. »Manche der Brautleute haben hier einmal an der Universität studiert und kehren zur Hochzeit zurĂĽck.«

Ein Problem seiner Gemeinde ist, sagt Pastor Obermüller, dass viele Gemeindeglieder wegziehen. »Es gibt hier außer Tourismus und Wein wenig Arbeit. Ab und an legen Kreuzfahrtschiffe im Hafen an und spülen Touristen in die Stadt.« Das gibt allenfalls unregelmäßig etwas für Tagelöhner zu tun und schafft nur wenige dauerhafte Arbeitsplätze. »Es gibt ein Sprichwort in Valparaiso: Der Hafen ruft dich, wenn es Arbeit gibt.« Die Jungen ziehen daher in die Hauptstadt Santiago de Chile.

Alexander Wilckens, Generalsekretär der beiden lutherischen Kirchen Chiles, kennt die Schwierigkeiten der Gemeinden, wie in Valparaiso. Gemeinsam mit Zeller und einer kleinen deutschen Delegation besucht er ObermĂĽllers Gemeinde. Wilckens erklärt den Gästen aus Deutschland die Traditionen und Strukturen der Kirchen. Es gibt zwei lutherische Kirchen: Zum einen die »Iglesia EvangĂ©lica Luthe­rana en Chile«, kurz IELCH. Sie ist die kleinere Kirche, die sich längst chilenischem Zuwachs geöffnet hat. Es gibt Chilenen deutscher Herkunft, die in fĂĽnfter Generation hier leben. Sie verstehen sich nicht mehr als Deutsche. Sie sind längst Chilenen. Die Gemeinde in Valparaiso gehört zur anderen, der größeren und älteren Kirche: Die »Lutherische Kirche Chiles« (ILCH) ist eine GrĂĽndung deutscher Einwanderer im 19. Jahrhundert. Ihre Nachfahren prägen sie bis heute. Wilckens ist Generalsekretär des Rates beider Kirchen, die sich um eine föderative Vereinigung bemĂĽhen.

»Die große Frage heute ist, was will das Luthertum in Lateinamerika?«, stellt Wilckens eine progressive Frage, an der sich die Zukunft der lutherischen Kirche für ihn entscheidet. Das Volk sympathisiert insgesamt sehr mit den Pfingstlern. »Ein Pfingstler-Pastor lebt oft mit den Menschen, den Armen, Tür an Tür. Auch die katholische Kirche kümmert sich sehr um das einfache Volk. Die lutherische Kirche hält die Tradition und die lutherische Theologie hoch«, sagt er. »Pfarrer sollen fundiert studieren.«

»Unsere Kirche kam von auĂźen in dieses Land, mit den Immigranten aus Deutschland Ende des 19. Jahrhunderts. Wir waren stets eine Minderheit.« Die Kirche war angetrieben und unterstĂĽtzt von auĂźen, so Wilckens. Von 1973 bis 1990 herrschte mit Augusto Pinochet in Chile eine Militärdiktatur. »In dieser Zeit hatte unsere Sozialarbeit schon einmal einen Höhepunkt.« Aber wie steht es heute um die Kirche? »Sollten wir uns auch um Bildung, Armut und globale Probleme kĂĽmmern? Wenn ja, ist die weitere Frage: Wieso braucht es dazu die lutherischen Kirchen?«

Oder, so sinniert Wilckens weiter, bleibt die Kirche eine ethnische Kirche, fĂĽr die Nachfahren deutscher Kolonialisten, fĂĽr die die deutschsprachige Kirche eine Heimat in der Fremde darstellte?

»Wir arbeiten jetzt schon viel mit armen Leuten«, sagt Pfarrer Obermüller, »damit sie Möglichkeiten für ihre Zukunft bekommen.« In der politischen Debatte um ein Abtreibungsgesetz hat sich die katholische Kirche strikt dagegen positioniert. Wer aus ihrer Sicht das komplexe Gesetz befürwortet, ist in deren Augen Kommunist. Ein anderes Thema in Chile ist die Bildung, die sich ärmere Schichten für ihre Kinder oft nicht leisten können. Eine lutherische Kirche sollte pastoral denken, für ihre Kirchenmitglieder in Krisensituationen da sein, sagt Wilckens. »Wir haben unsere Berechtigung als Kirche dann, wenn wir uns der Menschen in Not annehmen.«

Das Stichwort in der evangelischen Kirchengemeinde in Valparaiso ist »Diversität« – Vielfalt. Ja, sie seien schon eine Sondergemeinde in der deutschstämmigen ILCH, erkennt Wilckens an. »Es ist unsere Art, hier weltoffen zu ein, wie ein Hafen weltoffen ist«, bekennt Pastor Rudi. »Wir in Valparaiso sehen uns als eine einzige Gemeinschaft – und es ist eine gute Gemeinschaft«, ist er überzeugt. Arm und Reich, Nachfahren von Einwanderern und ehemalige Katholiken, Chilenen und Neu-Zugezogene. »Wir bilden Gruppen mit den neuen Gemeindegliedern, sogenannte ›Gruppen des Lebens‹«, erläutert der Pfarrer. Darin kann man sich gegenseitig näher kennenlernen. Die Kirche profitiert auch von wohlhabenden Gemeindegliedern. Sie helfen, den Ärmeren Arbeit zu beschaffen.

»Rudi Obermüller ist der führende Pastor in der ILCH, der die Vielfalt und Offenheit der Kirche fördert und gleichzeitig mit der Tradition verbindet.« Er habe keine Angst mit Neuem und Neuen in Verbindung zu kommen. So dürfte der Kirchenvorstand der lutherischen Gemeinde von Valparaiso einzigartig in Chile sein. In ihm sitzen Kommunisten und ehemalige Militärangehörige an einem Tisch und ziehen an einem Strang. »Wir besprechen die Unterschiede, streiten auch, aber ohne uns zu bekriegen«, beschreibt Obermüller den Umgang miteinander.

Wilckens sieht das als zukunftsweisende Mustergemeinde an. Für solche Gemeinden könnte ein Pfarrer aus Deutschland auch gut sein, überlegt er. Daher hat er vor, zu deutschen Landeskirchen Kontakte herzustellen, die Pfarreraustausch ermöglichen könnten.

 

Mit freundlicher Genehmigung entnommen aus: Evangelisches Sonntagsblatt in Bayern, 19. Februar 2017.

 

Auszug aus dem »Lutherischen Dienst« 3/2017. Wenn Sie die weiteren Artikel lesen möchten – etwa ĂĽber »Martin Luther in Minsk«, den Lutherischen Weltbund in Namibia und Wittenberg, ĂĽber die Krim und Kasachstan oder ĂĽber den MLB auf dem Kirchentag â€“, dann bestellen Sie den » Lutherischen Dienst kostenlos.

 

» Valparaiso (GoogleMaps)