Nach dem überraschend deutlichen Wahlergebnis bei der Parlamentswahl im April 2026 in Ungarn erörtert Bischof em. Tamás Fabiny, Präsident des Martin-Luther-Bundes, in seinem Kommentar das Verhältnis zwischen Kirche und Staat. Er bezieht sich dabei auf das in Ungarn sehr bekannte Drama »Familie Tót« von István Örkény aus dem Jahr 1967. Familie Tót hat zwei Kinder, eine Tochter und einen Sohn. Der Sohn dient in der ungarischen Armee und überredet seinen erschöpften Major, sich bei seiner Familie zu erholen. Die Familie nimmt den Major auf und versucht, es ihm so angenehm wie möglich zu machen, in der Hoffnung, ihrem Sohn so das Leben in der Armee leichter zu machen. Diese »Fürsorge« nimmt allerdings im Lauf der Komödie immer groteskere Formen an.
Fabinys Fragen zum Verhältnis von Staat und Kirche sind essenziell: Wann wird Unterwerfung zur Routine? Wann zur Selbstaufgabe? Findet man noch den Mut, das biblische Gebot zu befolgen: »Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen«?
»Vor dem Fenster von Gizi Gézáné stand der Transformator. Der Schatten des gedrungenen Stahlgehäuses lag schräg über dem Beton. Als wir zur Bushaltestelle gingen, hielt Major Varró diesen dunklen Streifen für einen Graben. Er blieb einen Augenblick stehen, schätzte die Breite des Grabens ab, holte dann Schwung und sprang geschickt darüber hinweg. Was hätte Tót tun sollen? Auch er blieb stehen, holte Schwung und sprang darüber, wohl wissend, dass er den Major sonst in eine peinliche, ja lächerliche Lage bringen würde. Sie gingen weiter. Sie kamen zurück. Sie sprangen erneut über den Schatten. Diese Aktion wiederholten sie noch einmal, während sie die gute Bergluft einatmeten und ein freundschaftliches Gespräch führten.«
Diese symbolträchtige Szene aus István Örkénys Drama »Familie Tót« aus dem Jahr 1967 verdeutlicht sehr gut jene Doppelzüngigkeit und Unaufrichtigkeit, die in den vergangenen Jahrzehnten das Verhältnis zwischen den Kirchen und der Regierung geprägt hat. Wir wissen, dass Tóts Verhalten im Grunde von der Sorge um seinen Sohn an der Front bestimmt war, in der Hoffnung auf das Wohlwollen des Majors. Aus der Not heraus bemühte er sich daher, auch in Situationen, die für ihn ausgesprochen belastend, ja sogar demütigend waren, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. …
Dieses Maß an Anpassung erreicht dann in der oben erwähnten Szene eine neue Stufe. Denn der Sprung über den Schatten geschieht nicht nur einmal, sondern mehrfach. Nach einer Weile beginnt Tót zu vermuten, dass der Major bereits weiß, dass dort kein Graben ist, aber konsequent springt er immer wieder darüber hinweg. Die Absurdität wird zur Routine. Sie können dieses für beide mittlerweile peinliche Rollenspiel nicht mehr beenden.

Örkénys Stück ist eine Tragikomödie über die Ausgegrenzten. Und Tót, unser »lieber, guter Lajos«, verkörpert für mich die Kirche.
Er kann Bischof, Pfarrer, Gemeindepfarrer oder ein weltlicher Vertreter der Kirche sein. Jemand, der – und das muss betont werden – diese unmöglichen Situationen im Interesse seiner Familie, genauer gesagt: seines an der Front kämpfenden Sohnes, auf sich nimmt. Er will sein Kind retten. Es liegt dem tapferen Feuerwehrmann fern, eine politische oder gar militärische Rolle spielen zu wollen, er sorgt sich einfach nur um seinen Sohn und will ihm Gutes tun.
So sehr wir jetzt auch über den ehrwürdigen Herrn Tót (oder eben: über Bischof Tót) lachen, auf ihn herabsehen und ihn abwerten mögen, sollten wir diesen persönlichen Aspekt doch berücksichtigen. …
Der »menschliche Faktor«
Über die Irrwege der Kirchen in den vergangenen Jahrzehnten können wir nur dann ehrlich und (selbst-)kritisch sprechen, wenn wir uns auch dieser nachvollziehbaren, ganz und gar menschlichen Faktoren bewusst werden: Jemand ist bereit, eine für ihn selbst kräftezehrende und unendlich peinliche Rolle auf sich zu nehmen, nur um den ihm anvertrauten Menschen zu helfen. Deshalb trifft er immer öfter unhaltbare Entscheidungen, macht sich schließlich immer lächerlicher und kann die Rolle, die er übernommen hat, nicht mehr ablegen.
Moralische Aspekte lassen sich nicht einfach beiseiteschieben. Man kann vieles zu Tóts Verteidigung anführen. Wenn wir ihm statt einer Feuerwehruniform einen Talar anziehen, möchte er – statt seines Sohnes – die Konfirmanden schützen, also insbesondere jene Altersgruppe, die unter dem früheren kirchenfeindlichen Regime so sehr gelitten hat … und schließlich muss auch ein Altenheim betrieben werden … und ein Kindergarten … und eine Hochschule … In der veränderten Situation kommt die Anwesenheit des Majors gerade recht.
Wenn schon eine Kirche gebaut wird, könnte der Major vielleicht dafür sorgen, dass sie auch eine behindertengerechte Rampe bekommt.
Deshalb muss man sich mit ihm gut stellen. Wir wissen natürlich, dass er ein unangenehmer Kerl ist. Er bittet um Gefälligkeiten, stört den Familienfrieden, aber der Dienst als Kirchenführer ist nun einmal mit Opfern verbunden. Beim ersten Mal ist es noch peinlich, diese Vorbehalte zu überwinden, aber beim zweiten oder dritten Mal geht es schon wie von selbst. Man muss nur Schwung holen.
Pastor Tót lebt jetzt ohne den Major. Vielleicht wirkt sich diese ruhige Zeit positiv auf ihn aus. Ich vertraue darauf, dass er die Geschehnisse gründlich überdenkt. Jetzt kann er sich endlich dem widmen, was den Kern seiner Berufung ausmacht. Vielleicht betet er mehr. Er nimmt seine Bibel zur Hand und liest mehrmals den Satz, den Petrus in der Apostelgeschichte sagt: »Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.« (Apg 5,29)
Einem zeitgenössischen Theologen zufolge legte dieser Jünger Jesu damit den Grundstein für das Prinzip des zivilen Ungehorsams. Die Rede ist von jenem Petrus, der kurz zuvor feige die Flucht ergriffen hatte. Die Worte eines barfüßigen Dieners hatten ihm den Mut genommen. Um seine Haut zu retten, verleugnete er seinen Meister dreimal. Doch dann geschah das Pfingstwunder. Er wurde vom Heiligen Geist erfüllt. Unter dessen Einfluss wurde aus einem Schilfrohr eine Säule. Nun verkündet er als Bekenner: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.
Lehren aus der Geschichte
Lassen Sie mich zwei Beispiele aus dem 20. Jahrhundert anführen, um diese Aussage zu verdeutlichen:
In einer Gemeinde der evangelischen Kirche des Dritten Reiches bereiteten sich 29 Jungen und 35 Mädchen auf die Konfirmation vor. Der Pfarrer hatte lange darüber nachgedacht, welches Wort aus der Heiligen Schrift er diesen Jugendlichen als Wegbegleitung mitgeben sollte. Er trat an den Ersten heran und sprach zu ihm: »Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen!« In der überfüllten Kirche wusste jeder, was diese Worte im nationalsozialistischen Deutschland bedeuteten. Der Pfarrer trat dann zum zweiten und schließlich zum dritten Konfirmanden und sprach denselben Segen. Insgesamt wiederholte er 64-mal die apostolische Mahnung: »Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen!«
So geht es auch …
Die andere Geschichte dreht sich um den evangelischen Bischof Lajos Ordass, der im Rahmen eines Schauprozesses verurteilt wurde. Im Gefängnis wollte man ihn dazu bringen, sein Amt niederzulegen. Seine wohlmeinenden Amtskollegen rieten ihm dazu, um so dem Todesurteil zu entgehen, das ihm drohte. Vielleicht würde man ihn dann sogar nach Hause entlassen und er bliebe nur unter Hausarrest. Ordass orientierte sich jedoch an diesem Wort: »Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.«
Diese gläubigen Christen haben viel dafür getan, die Glaubwürdigkeit der Kirche zu bewahren. Sie haben den Schatten nicht übersprungen und sind später nicht, wie Tót, zum Gegenstand des öffentlichen Spottes geworden. …
Ein persönliches Beispiel dafür, dass sich nicht nur Bischöfe oder Erzbischöfe wie Tót verhielten, der freiwillig über den »Graben« sprang: Als der ehemalige sowjetische Parteisekretär Breschnew starb, wurden die ungarischen lutherischen Theologen vor den Fernseher gesetzt: Sie mussten sich die stundenlange Beerdigung ansehen. Einige Studenten zogen es jedoch vor, einen Ausflug zu machen. Als der Direktor davon erfuhr, schimpfte er: »Was passiert, wenn man das in Moskau erfährt?«

Der Geschmack der Freiheit
Ich war ein junger Pfarrer, als das »Staatliche Amt für kirchliche Angelegenheiten« endlich abgeschafft wurde. Ein älterer Kollege fragte mich mit aufrichtiger Ratlosigkeit: »An wen muss man sich nun wenden, um eine Genehmigung zu erhalten?« Tót blieb auch in diesem Fall vor dem vermeintlichen Graben stehen und holte dann Schwung für den Sprung.
Dann wendete sich das Blatt zum Guten. Die meisten Kirchen hatten sich langsam daran gewöhnt, in ihren eigenen Angelegenheiten selbstständig entscheiden zu können. Der Major kam nicht zurück. Die Forderung wurde stärker, dass die Kirche mutiger die öffentliche Meinung mitgestalten und sich in der Öffentlichkeit und im öffentlichen Leben engagieren solle. Ich selbst wurde dazu von niemand anderem als dem damaligen Ministerpräsidenten Ungarns ermutigt.
Im Oktober 1999 führte ich als Redakteur und Reporter des damaligen Duna TV ein Interview mit Viktor Orbán, der anlässlich eines Jubiläums ins Theater Pesti Vigadó gekommen war. Eine meiner Fragen lautete: »Sind Sie mit dem Engagement der christlichen, protestantischen Intellektuellen im öffentlichen Leben zufrieden?« Er antwortete: »An sehr vielen Orten sehe ich …, dass uns immer noch die Abwehrhaltung, die Abgeschiedenheit, die Angst vor dem Feind und vor dem Streit mit ihm binden. Und aufgrund dieser Niederlagen und häufigen Demütigungen der letzten vierzig Jahre entstanden als Reaktion darauf Abwehrreflexe. Alles zusammen zehrt einen erheblichen Teil unserer Energie auf, obwohl jetzt das Feld frei war und ist, obwohl die feindlichen Heere abgezogen waren. Man kann hinter den Burgmauern hervorkommen, die Tore öffnen und die Arbeit draußen unter den Menschen entsprechend der Mission verrichten. Ich glaube, mehr Selbstvertrauen wäre angebracht; es gibt viel mehr und weitreichendere Möglichkeiten für die Kirchen, insbesondere für die protestantischen Kirchen, ihre Mission zu erfüllen, als es die mit der protestantischen Kirche verbundenen Intellektuellen selbst oft annehmen.«
Nach fast drei Jahrzehnten muss ich leider feststellen, dass die Aufforderung des Ministerpräsidenten kaum Wirkung gezeigt hat.
Eine Kirche im Dialog
Da nun schon so persönliche Motive in diesen Text eingeflossen sind, möchte ich in der ersten Person Singular fortfahren. Ich für meinen Teil habe mich bemüht, dass uns statt einer sich abschottenden Kirche Offenheit und Dialogbereitschaft auszeichnen. In meiner bischöflichen Antrittsrede habe ich die Vision einer dialogorientierten Kirche entworfen, wozu ich auch den Dialog mit Andersdenkenden und Andersgläubigen mit einbezogen habe. Auf der Kanzel habe ich es vermieden, Politik zu betreiben, aber es gab Äußerungen von mir, die bei den jeweiligen Machthabern für Unruhe sorgten. Wenn ich auf dem Weg einen Schatten sah, sprang ich nicht darüber hinweg, als wäre es ein Graben, unabhängig davon, ob ein Major dies sah oder nicht. Ich war kein Held, aber wenn es nötig war, sprach ich beispielsweise die kämpferisch antiklerikalen Äußerungen von Ferenc Gyurcsány, Ministerpräsident Ungarns von 2004 bis 2009, an.
Im Jahr 2009 habe ich dann einmal erklärt, dass ich mich schon darauf freue, Kritiker einer bürgerlichen Regierung zu werden.
Leider hatte ich dazu reichlich Gelegenheit. Als Theologe und Bischof habe ich mich bemüht, mich auf jene Bereiche zu beschränken, die das Leben der Kirchen betrafen oder Fragen der Bibelauslegung aufwarfen. Es gefiel mir nicht, dass Priester politisierten, aber noch mehr störte es mich, wenn Politiker predigten – oder uns vorschrieben, wie wir Gottes Wort zu verstehen hätten. Bei einer Veranstaltung während der Flüchtlingskrise, bei der es nicht um Migration, sondern um das Werk der ungarischen Schriftstellerin Magda Szabó ging, leitete ein Bürgermeister aus der Provinz meinen Vortrag mit den Worten ein: »Wenn man uns auf die eine Wange schlägt, sollen wir nicht so dumm sein, ihm auch die andere hinzuhalten.« Ich sah mich gezwungen, öffentlich darauf hinzuweisen, dass dies in meiner Bibel nicht so steht.
Ein anderes Mal habe ich der sogenannten »Ungarischen Garde«, die in den Roma-Dörfern zur Abschreckung aufmarschierte, die Botschaft übermittelt, sie sollten sich in ihrem Hass nicht auf das Christentum berufen.
Wenn der Politiker predigt
… Mit der Zeit fanden auch die Politiker Gefallen daran, aus der Bibel zu zitieren – natürlich ganz nach ihrem eigenen Geschmack, im Sinne ihrer Ziele. Das war die Blütezeit des politischen Christentums.
Die ungarischen Redner erhielten reichlich Munition, einerseits von amerikanischen christlichen Fundamentalisten, andererseits von russisch-orthodoxen Kreisen. Ich hörte Reden über die Ungarn als auserwähltes Volk sowie Anspielungen auf den Heiligen Krieg. …
Nach einer Weile musste ich die Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens öffentlich dazu auffordern, die Bibel nicht zu missbrauchen und ihre Auslegung uns Theologen zu überlassen.
Leider habe ich festgestellt, dass diese Versuchung des politischen Christentums bereits auch den einen oder anderen Redner der Tisza-Partei erfasst hat. Da kritische Solidarität auch in früheren Fällen mein Leitprinzip war, sah ich mich auch hier gezwungen, meine Stimme zu erheben, beispielsweise als Péter Magyar am Osterfest 2025 vor der St.-Stephans-Basilika von einer ungarischen Auferstehung sprach. Weder die Nationalisierung der Religion noch die Sakralisierung der Nation sind akzeptabel. Ich verstehe auch nicht wirklich, warum Politiker den Wahlerfolg von Tisza so interpretieren muss, als habe David einen Sieg über Goliath errungen. Und das nicht nur als kurze Metapher, sondern so, dass der kleine David den eingespielten Aufnahmen zufolge Péter Magyar auffallend ähnlich sieht.
Vielleicht mahne ich gerade noch rechtzeitig. Was da vor uns auf der Straße liegt, ist kein Graben, über den wir springen müssen. Es ist nur ein Schatten. Lasst uns ruhig weitergehen und ungezwungen miteinander reden. Und natürlich darauf vertrauen, dass der Major wirklich nicht mehr zurückkommt.