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Aktuelle Meldung



30.09.2011 - Kategorie: Lettland

LETTLAND/ERLANGEN: Internationaler Sprachkurs 2011




In der Nummer 9/2011 der lettischen Kirchenzeitschrift »Svētdienas Rīts174 (»Sonntagmorgen«) vom 17. September 2011 hat die Chefredakteurin Inga Reča den folgenden Artikel ĂĽber den Sprachkurs in Erlangen veröffentlicht. Wir freuen uns, ihn in der Ăśbersetzung von Johannes Baumann hier veröffentlichen zu können:



Autorin Inga Reča und â€¦

… die Teilnehmenden des Internationalen Sprachkurses 2011 – Foto: MLB

»Kein schöner Land …«
von Inga Reča

 

›Kein schöner Land in dieser Zeit, / als hier das unsre weit und breit, / wo wir uns finden wohl unter Linden zur Abendzeit.‹ Dieses schöne Lied aus dem 19. Jahrhundert ist eine von jenen drei volkstĂĽmlichen Weisen, die man in fast jedem Kreis singt, der sich in Deutschland versammelt hat. Nach einem beim Deutschkurs des Martin-Luther-Bundes verbrachten Monat, der vom 16. August bis zum 10. September in Erlangen stattfand, brannte sich dieses Lied wie ein Laserstrahl in meinem Herzen fest zusammen mit dem unbeschreiblichen GefĂĽhl, das lutherische BrĂĽder und Schwestern aus verschiedenen Ländern mit so unterschiedlichen Sprachen, Kulturen und politischen Systemen miteinander vereint.

 

Einen herzlichen Dank den ungarischen BrĂĽdern

 

2012 ist es bereits über 30 Jahre her, dass in der Zentrale des Martin-Luther-Bundes (MLB) in der Universitätsstadt Erlangen in der Nähe von Nürnberg im Bundesland Bayern die Deutschkurse jährlich stattfinden. Den entsprechenden Einfall hatten ungarische Pfarrer, die den Wunsch aussprachen, die deutsche Sprache im deutschen Umfeld zu erlernen. Seit 1982 wird den ausländischen Partnern der deutschen Kirche – Pfarrern und Laien – die Möglichkeit geboten, fast einen Monat bei aktivem Studium der deutschen Sprache in Erlangen zu verbringen. (Das muss ich sofort dadurch ergänzen, dass diese Kurse nur ein winzig kleiner Teil aller Vorhaben sind, die der MLB bei der Zusammenarbeit mit fast allen lutherischen Kirchen Europas verwirklicht. Auch unsere Kirchenzeitung, die Sie jetzt in der Hand haben, kann seit zwei Jahren nur deshalb erscheinen, weil uns der MLB eine bedeutende Unterstützung gewährt.)

In diesem Jahr gehörten wir beide aus Lettland – die Verfasserin dieser Zeilen und Pfarrer Juris Morics – zu den 22 glĂĽcklichen Kursteilnehmern aus 14 verschiedenen Staaten.

 

Der heiĂźe Monat in Erlangen

 

Ich schreibe von den ›glücklichen‹ Kursteilnehmern deshalb, weil die Emotionen noch heute weiter große Wellen schlagen und man unseren fast einen Monat andauernden Seelenzustand nicht anders beschreiben kann. Die Menschen, die Geld gespendet haben, um uns die Möglichkeit zu schenken, die deutsche Sprache in Deutschland zu erlernen, haben wirklich für alles gesorgt – auch für die hoch zu lobenden Möglichkeiten der Unterbringung, für die gute Verpflegung und sogar für die Möglichkeit, deutsche Traditionen und deutsche Kultur kennen zu lernen. Echte deutsche Ordnung bei allen Dingen, für die der Hausvater des MLB, Rainer Stahl, sorgte, der jeden Tag gemeinsam mit Friederike Hirschmann und Pfarrer Martin Dietz mit uns verbrachte, und die vielen Helfer in der Küche und in der Wirtschaft des Hauses. Einen sehr, sehr herzlichen Dank ihnen dafür!

 

Bei der Rückschau auf diesen Monat, den wir (hier gebrauche ich die Mehrzahl, denn ich weiß, dass mein Bruder in Christus Juris Morics ähnlich empfindet) zusammen mit den Brüdern und Schwestern aus Estland, Litauen, Russland, Finnland, der Slowakei, aus Slowenien, Ungarn, Tschechien, Polen, Rumänien, den Niederlanden und Italien verbrachten, müssen wir auch zugeben, dass dieses kein gewöhnlicher Sprachkurs war. Jeder Morgen begann mit einer Andacht in der schönen Kapelle, die sich danach zu einem Unterrichtsraum für unseren kleinen Kreis verwandelte. Zwei Mal in der Woche fanden die Abendandachten und an den Sonntagen die Gottesdienste jedes Mal in einem anderen Gotteshaus statt. Durch das alles konnten wir fast körperlich die große Liebe und den großen Segen Gottes spüren – bei dem gegenseitigen Verhalten der Menschen und bei allen unseren Veranstaltungen. Auch im Unterricht und sogar in der Natur. Zuerst hatten wir es mit einer gewaltigen Hitze zu tun, bei der das Thermometer 34 Grad anzeigte. Diese Hitze wurde von warmem Wetter abgelöst, worauf sich plötzlich in einem Augenblick der Herbst einstellte. Den freien Teil des Abends konnte jeder so nutzen, wie es ihm um das Herz war. Dabei konnte er in dem nahe gelegenen städtischen Schwimmbad im Freien plantschen, eine Tour mit dem Fahrrad zum in der Nähe gelegenen Wald machen, Gespräche führen usw. Unser italienischer Bruder Claudio, Organist der Kirchengemeinde Genua, verbrachte die Mittagspause jedes Tages damit, dass er in der Erlanger Neustädter Kirche Orgel übte. Da in Italien in den Kirchen eine echte Orgel eine Seltenheit ist und er in seiner Kirche eine elektronische Orgel spielen muss, war für ihn diese Möglichkeit, wie er selbst zugab, ein wahres Gottesgeschenk. Ebenso war es ein Geschenk Gottes an uns, dass wir täglich dem wunderbaren Orgelspiel von Claudio lauschen konnten.

 

Fröhliche Klassengefährten und geduldige Lehrer

 

Natürlich haben wir die längste Zeit mit dem Studium der deutschen Sprache verbracht. Um zu fruchtbaren Ergebnissen zu kommen, wurden die Teilnehmer nach ihrem Wissensstand in drei Gruppen aufgeteilt. Weil Juris und ich bisher nur ein Jahr am Goethe-Institut in Riga deutsch gelernt hatten, wurden wir beide der Gruppe der Anfänger zugeteilt. Unsere kleine Gruppe mit sieben Menschen, war sehr bunt zusammengesetzt, denn zu ihr gehörten: Martha, eine polnische medizinische Assistentin, die bereits seit zwölf Jahren in den Niederlanden lebt, Eunika, eine Tschechin mit diesem griechischen Vornamen, deren Vater und Großvater Pfarrer sind und die selbst Theologie studiert, Andreas, ein ehemaliger armenischer Ingenieur, der jetzt Prediger ist, der in Saratow (in Russland an der Wolga) die lutherische Kirche aufzubauen hilft, Natalija, eine Russin aus der geschlossenen Stadt Krasnoturinsk im Ural, eine treue Mitarbeiterin ihrer Kirchengemeinde, denn sie verbringt ihre ganze Zeit vom frühen Morgen bis zum späten Abend im Gotteshaus, sowie der Liebling aller, Claudio, Toningenieur und Organist der lutherischen Gemeinde in Genua, dazu wir zwei Letten. Unsere wunderbare Lehrerin Frau Evelin Albrecht, emeritierte Pastorin aus Hamburg, hatte keine leichte Aufgabe, die Grundlagen der deutschen Sprache in verschiedenen Sprachen (nur nicht in der deutschen) weiter zu vermitteln, und dazu auch an so temperamentvolle Leute, die alle – ich weiß nicht, weshalb – auf einer Welle der Freude surften. Gelegentlich vergaßen wir sogar, dass wir alle schon Menschen in einem würdigen Alter waren, die sich aber ab und an um Jahrzehnte in ihre Schulklasse zurück versetzt fühlten … Die Sprache erlernten wir sowohl durch die komplizierte deutsche Grammatik, wobei uns der Dativ und Akkusativ bis in den Traum hinein verfolgten, als auch durch Scherze und durch Lachen. Und tatsächlich, dank dieser so lockeren Kommunikation, stellte sich die Sprache bei uns ganz ungezwungen ein. Ganz ehrlich gesagt, ich wäre selbst im Traum davor nicht auf den Gedanken gekommen, dass ich im Laufe eines knappen Monats mich vom Ausgangspunkt Null so weit nach vorne bewegen könnte, dass es mir möglich gewesen wäre, kleine Geschichten zu Papier zu bringen und mich mit meiner gastgebenden Familie über die Möglichkeiten des Einkochens von Holunderbeeren zu unterhalten. Und das alles – weit entfernt von jeder grammatikalischen Vollkommenheit – dennoch in deutscher Sprache. Ist das nicht auch ein Wunder Gottes?

 

Die Perlen Deutschlands – das Land der Bayern und Franken

 

An jedem Samstag und Sonntag hatten wir die Möglichkeit, die lobenswerte Deutsche Bahn zu benutzen, um die Städte in der Nähe besichtigen zu können, die wahre Perlen deutscher Kultur und Architektur sind. Die barocke Stadt Bamberg, das nach dem Zweiten Weltkrieg fast ganz neu wieder aufgebaute Nürnberg, die Stadt Richard Wagners Bayreuth sowie die Fränkische Schweiz mit den wunderschönen Berglandschaften. Dank unserer Lehrerin Frau Albrecht, die uns mit ihrem BMW (ein wahres bayerisches Symbol) in das eigentliche Herz Bayerns, München, entführte. Ein unersetzbarer Teil der bayerischen Kultur ist das Essen und Trinken. Du bist nicht in Bayern gewesen, wenn du nicht Nürnberger Bratwürste und Münchener Weißwürste und dazu Salzkringel und das örtliche Bier getrunken hast. Dazu muss ich bemerken, dass sich an jeder Ecke in Bayern eine Bierbrauerei befindet (mindestens gab es bei uns in Erlangen gleich um die Ecke eine) und dass die Bayern diejenigen sind, die in der Welt das meiste Bier verkonsumieren. Und dazu muss ich auch noch sagen, dass mein Patriotismus im Bezug auf das lettische Bier einen Knacks erhielt, denn so gut wie in Bayern hat mir noch nie ein anderes Bier auf der Welt geschmeckt.

 

Einen besonderen Kolorit verleiht der bayerischen Landschaft im Unterschied zu der ĂĽbrigen globalisierten Welt der Boom von Volkstrachten, die von alten und jungen Leuten getragen werden.

 

GrĂĽĂźe an Lettland von alten Freunden

 

Einen besonderen Liebesglanz strahlte in Deutschland das Treffen mit alten Freunden aus, mit BrĂĽdern und Schwestern in Christus, die alle ihre Freunde in Lettland grĂĽĂźen lieĂźen! Wir – die Schwester aus der lettischen Kirchengemeinde in St. Petersburg, Erzbischof Elmārs Ernsts Rozītis und ich – fuhren zum Treffen der Letten aus drei Ländern ins 200 km entfernten Bad Neustadt an der Saale (was nach deutschen Vorstellungen sehr nahe ist), das wir bereits auf dem Kirchentag der Diözese Liepaja verabredet hatten. Dank der Gastfreundschaft unserer deutschen Freunde konnte dieses ›internationale‹ Treffen der Letten stattfinden.

 

Und es musste auch wirklich so sein, dass der in Lettland von vielen hoch verehrte langjährige Rektor der Luther-Akademie in Riga, Reinhard Slenczka, und seine Ehefrau Gisela, ausgerechnet in Erlangen leben. Mit groĂźer Liebe und Gastfreundschaft nahmen sie Juris und mich bei sich auf und zeigten uns Bamberg und die fränkische Schweiz. Wir besuchten sie auch in ihrer Wohnung, wo sie uns Fotos von ihren Söhnen und deren Familien zeigten und uns berichteten, was diese jetzt täten. Bei diesem Treffen gab es auch die Gelegenheit zu ernsthafteren Gesprächen. Sie sind eifrige Lesung unserer Kirchenzeitung ›Svētdienas Rīts‹.

 

Besonders betrĂĽbt hat den Professor die Nachricht, dass bei dem Umzug der Luther-Akademie ein Teil der Bibliothek erheblichen Schaden genommen hätte. Einen groĂźen Teil seiner Zeit nimmt die Erarbeitung seines Standpunktes zum Beschluss der EKD in Anspruch, der es homosexuellen Paaren, von denen einer Pfarrer ist, gestattet, in einem Pfarrhaus zusammen zu leben. Der Professor sagte, dass er keine Zeitungen mehr lesen wĂĽrde, aber mit Ungeduld die nächste Ausgabe unserer Kirchenzeitung erwartete, denn nach seiner Ansicht sei ›Svētdienas Rīts‹ noch eine der wenigen echten Kirchenzeitungen. Ist sich die Kirche Lettlands wirklich der Rolle bewusst, die sie im europäischen Kontext zu spielen hat?

 

Alle unsere Gespräche fanden in lettischer Sprache statt. Wir waren sehr überrascht, dass sowohl Frau Gisela als auch der Professor sich noch so gut an diese Sprache erinnern! Und weshalb auch nicht –jeden Morgen üben sie sich in dieser Sprache, indem sie einige Stunden lang komplizierte lettische Texte lesen und übersetzen. Nebenbei erfuhren wir, dass Frau Gisela inzwischen ein großer Fußballfan geworden sei, die kein Spiel auslässt, was der Professor halb im Scherz mit dem Satz kommentiert: ›Ich habe inzwischen ein Alter erreicht, in dem ich tun darf, was ich möchte‹.

Summa summarum

 

Wie können wir diesen Monat zusammenfassen? Das geht mit einem Satz: Dank sei Gott und den Menschen für diese wunderbare Liebesgabe!