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12.10.2009 - Kategorie: LD online

LD online: Unverdrossene Glaubenstreue




Interview mit Dr. Hans-Martin Weiss, dem Präsidenten des Martin-Luther-Bundes

 

Auszug aus dem »Lutherischen Dienst« 4/2009



LD 4/2009

Der Präsident im Kreis einiger Mitarbeitenden aus der Zentralstelle. Von links: Generalsekretär Dr. Rainer Stahl, Friederike Hirschmann, Adelheid Ludwig, Dr. Hans-Martin Weiss, Hannelene Jeske, Hildegard Wickert und Benedikt Bruder. – Foto: MLB

Es gibt gute GrĂĽnde, ein Gespräch mit dem neuen Präsidenten des Martin-Luther-Bundes zu fĂĽhren. Der Regensburger Regionalbischof Dr. Hans-Martin-Weiss (50) steht seit fast einem Jahr an der Spitze des Diasporawerkes. Durch die Wirtschaftskrise stehen die Diasporakirchen und ihre Partner vor neuen Herausforderungen. Welche Gedanken bewegen den neuen Präsidenten beim Blick in die Zukunft? Das folgende Interview fĂĽhrten in der Erlanger Zentrale Generalsekretär Dr. Rainer Stahl und Hannelene Jeske.

 

Herr Präsident, Sie sind für den flächenmäßig größten Bezirk in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern zuständig, der auch noch sehr große Diasporagebiete umfasst. Welches sind die hervorstechendsten Diaspora-Erfahrungen für Sie?

Die Evangelischen im Bayerischen Wald und in Niederbayern tragen seit 1945 ganz entscheidend zur gesellschaftlichen und christlichen Kultur in Ostbayern bei, obwohl ihr Anteil an der Bevölkerung zwischen 3 und 10 Prozent schwankt. In diesen Gebieten ist gesellschaftlich und kulturell seither vieles anders geworden. Man spricht davon, dass durch die Evangelischen der Bayerische Wald und Niederbayern den Anschluss an die weite Welt geschafft haben. Dieses Wirken schafft Sympathie, kann aber auch Misstrauen zur Folge haben. Das merkt man im ökumenischen Miteinander mit den Katholiken. Diese sind sowohl zu freundlicher Zusammenarbeit bereit, aber auch sehr darauf bedacht, gesellschaftlich und kirchlich die Oberhand in dieser Region zu behalten. Das macht das Miteinander nicht immer einfach. Mittlerweile ist es sogar so, dass in manchen Regionen die Evangelischen wieder im Abnehmen begriffen sind, da in vielen Mischehen die nächste Generation in der Regel katholisch wird. Im oberpfälzischen Teil des Kirchenkreises ist diese Entwicklung anders, zumal dort traditionell evangelische Gebiete mit Diasporagebieten wechseln.

 

Wenn Sie andere Kirchen und deren Gemeinden besuchen, wie wirken sich die eben beschriebenen Diaspora-Erfahrungen aus?

Meine Kontakte mit evangelischen Kirchen in der Diaspora in anderen Ländern beziehen sich bislang hauptsächlich auf die Länder Österreich, Brasilien, Italien und Tschechien. In Österreich habe ich ein Semester studiert, in Brasilien habe ich bei einer Studienreise lutherische Gemeinden kennen gelernt und in Italien erst vor kurzem im Urlaub einen evangelischen Gottesdienst besucht. Die gemeinsame Erfahrung in der Begegnung mit evangelischen Christen in diesen Ländern ist, dass sie sich tapfer mit einem evangelischen Beitrag in ihrer Umgebung zu Wort melden und es dabei oft nicht leicht haben. Ich habe für diese Kirchen und ihre Gemeinden große Sympathien und kann mit ihnen aus meinen Diaspora-Erfahrungen heraus oft gut mitfühlen und mit ihnen über ihre Bestrebungen, evangelisches Gemeindeleben zu gestalten, einen – glaube ich – guten Austausch führen.

 

Können Sie den Leserinnen und Lesern unseres »Lutherischen Dienstes« die für Sie wichtigsten Beobachtungen in Partnerkirchen in der Diaspora skizzieren?

Die für mich spannendste Beobachtung war die Begegnung mit den Lutheranern in Brasilien und die Wahrnehmung ihrer Bemühungen, aus einer Kirche der deutschen Einwanderer und ihrer Nachkommen zu einer richtig einheimischen, brasilianischen Kirche zu werden. Von den unterschiedlichen Ergebnissen und Erfolgen dieser Bemühungen habe ich viel gehört und auch selbst wahrnehmen können. In Österreich macht mir Sorge, dass die dortige lutherische Kirche in ihrer gesellschaftlichen Bedeutung mittlerweile hinter den Islam gerückt ist. Ich höre immer wieder, dass im religiösen Bereich in Österreich zuerst der Katholizismus wahrgenommen wird und dann vom Islam die Rede ist. In Tschechien beeindruckt mich die Unverdrossenheit, mit der sowohl die Schlesische Lutherische Kirche als auch die Kirche der Böhmischen Brüder und die Hussitische Kirche besonders auch mit diakonischen Aktionen aus ihrer extremen Minderheitssituation heraus in die sehr säkulare tschechische Wirklichkeit Einfluss zu nehmen suchen.

 

Auf welche Themen der Diaspora-Arbeit wollen Sie zukünftig das Schwergewicht legen? Was würden Sie deshalb ganz persönlich als Aufgaben des Martin-Luther-Bundes beschreiben?

Ich habe ganz deutliche Sympathien für das diakonische Wirken der Diaspora-Arbeit und somit auch des Martin-Luther-Bundes. Ein pensionierter österreichischer Superintendent hat mir gegenüber einmal die Aufgabenteilung zwischen Gustav-Adolf-Werk und Martin-Luther-Bund folgendermaßen beschrieben: Das GAW ist für die Gemeindearbeit und Diakonie zuständig, der Martin-Luther-Bund für Gottesdienst und Theologie. Diese Differenzierung möchte ich so nicht mitmachen und sehe bei beiden Werken – und natürlich insbesondere bei dem, für das ich mit Verantwortung trage – die klare Perspektive, koinonia, leiturgia, martyria und diakonia immer in einem Gesamtzusammenhang zu sehen und zu gestalten. Bemühungen und Projekten, die diese Gesamtperspektive kirchlichen Handelns stets im Auge haben, gelten meine Sympathie und Unterstützung. Darüber hinaus möchte ich deutlich unterstreichen, dass es dem Martin-Luther-Bund gut ansteht, eine klare lutherische Konfessionalität in den weltweiten Partnerkirchen geistlich, gedanklich und materiell zu fördern, wo es ihm nur möglich ist.

 

Zum Abschluss interessiert uns noch, Herr Präsident, was Sie als besondere Gemeinschaftserfahrungen benennen würden: Was können wir voneinander lernen? Was geben wir unseren Partnern in der Diaspora? Was gewinnen wir von unseren Partnern in der Diaspora?

Als evangelisch-lutherische Kirche in Deutschland können wir von unseren Partnern in der Diaspora sicherlich viel unverdrossene Glaubenstreue lernen, aber auch Ausharren in Besorgnissen und Ängsten. Nach wie vor sind wir aus Deutschland heraus dazu in der Lage, die Anliegen der lutherischen Verkündigung und Glaubenspraxis von ihren Ursprüngen her zu reflektieren und zu formulieren und von dieser kirchlichen Praxis her Erfahrungen an andere weiterzugeben. Manchmal habe ich aber den Eindruck, dass wir von dieser Fähigkeit einiges eingebüßt haben und von anderen Kirchen in manchmal überraschender Weise lernen können, wie man lutherischen Glauben heute leben und formulieren kann. Spannend ist schon, aus den verschiedensten lutherischen Teilen der Welt zu hören, wie bedeutsam für die lutherischen Christen dort die Rechtfertigungslehre ist. Solche Freude an theologischer und geistlicher Erkenntnis wünschte ich uns in größerem Maße. Bei uns in Deutschland habe ich leider immer wieder den Eindruck, dass man die Zukunft der Kirche primär als das Ergebnis eines Planungs- und Organisationsprozesses versteht, aber nicht als ein Geschehen, das Gott leitet, zu dem er seine Gnade gibt – manchmal gerade dort, wo wir es überhaupt nicht vorgesehen und vorgeplant haben.

 

Herzlichen Dank fĂĽr Ihre Antworten. Wir schauen voll Spannung auf die gemeinsame Arbeit in der Zukunft.

 

 

Auszug aus dem »Lutherischen Dienst« 4/2009. Wenn Sie die weiteren Artikel lesen möchten, z.B. über den Einfluss der Wirtschaftskrise auf die Diasporakirchen, über das Zentrum des Lutherischen Weltbundes in Wittenberg oder über den Weg der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Frankreich zur Union mit der Reformierten Kirche, bestellen Sie den » Lutherischen Dienst kostenlos.