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18.07.2009 - Kategorie: Estland, LD online

LD online: »Die Kirche war die ganze Zeit da«




Gespräch mit Tiit Pädam

 

Auszug aus dem »Lutherischen Dienst« 3/2009



Lutherischer Dienst 3/2009

Toomas Paul im Gespräch mit …

… Tiit Pädam. – Fotos: Eesti Kirik

Im Jahr 2008 feierte der ehemalige Generalsekretär des Konsistoriums, langjährige Mitarbeiter im Bischofsamt und frühere Leiter des Theologischen Instituts in Tallinn (Estland), Pfarrer Tiit Pädam, seinen 50. Geburtstag. Nicht nur an der Seite des 2005 plötzlich verstorbenen Erzbischofs Dr. Jaan Kiivit erlebte Pädam Kirchengeschichte hautnah. Lange vor der politischen Wende in Estland begann sein Weg in der Kirche. Anlässlich seines Jubiläums führte Pfarrer em. Dr. Toomas Paul in der estnischen Kirchenzeitung »Eesti Kirik« ein Gespräch mit ihm, aus dem wir mit freundlicher Erlaubnis auszugsweise abdrucken.

 

 

Toomas Paul: Wir trafen uns das erste Mal vor dreißig Jahren. Ich war Dekan auf der Insel Saarema und du ein Student der Architektur an der Universität in Tallinn. Wir wurden sofort Freunde und wir machten eine Menge Sachen zusammen. Es war eine aufregende Zeit. Wir gehören beide, nach der Klassifikation der Soziologin Lea Altnurme, zur »Generation der Trickser«. Wir balancierten auf der Grenze zwischen legal und illegal, du natürlich viel mutiger als ich. Ich habe dich nie vorher gefragt, deshalb tue ich es jetzt: Wenn du jetzt zurückblickst: Wie blickst du als Erwachsener auf diese Zeiten?

 

Tiit Pädam: Das ist eine faszinierende Frage, weil die Art, wie ich jetzt die Dinge sehe, signifikant anders ist als die Art, wie ich die Dinge zu jener Zeit gesehen habe. Ich kann im Nachhinein erkennen, dass dies eine Zeit war, in der ich gefunden und berufen wurde. Auf der einen Seite den Lehrer zusammen mit sinnenden und betenden Freunden, auf der anderen Seite das Austesten der Grenzen und Versuche, die einschränkenden Grenzen zu verschieben. Ich war weder bereit, ein Kollaborateur zu sein noch ein Märtyrer oder Dissident. Aber dann begann mein Weg. Einer meiner Lieblingsdichter singt: Es gibt Brüche in der Welt, auf diese Weise kann das Licht hereinkommen.

 

Toomas Paul: Dann kam plötzlich die Zeit, in der die Kirche frei wurde und nicht gegen die fremde Macht kämpfen musste und dafür, aus dem Ghetto herauszukommen. Charakteristisch für den Bruch in Estland ist, dass viele Leute nach der Unabhängigkeit nicht mehr in die Kirche kamen, die aber davor – oder genauer: während des Umbruchs – gekommen waren. Die Spitzenzeiten für Taufen waren die Jahre 1989 bis 1991. Es schmerzt, wenn dies jetzt pejorativ ein »Boom« genannt wird. Vielleicht ist es angebrachter, diese Zeiten als eine Zeit der Eisschmelze im Frühjahr zu beschreiben. Diese konnte nicht bis zum Mittsommer anhalten. Ich erinnere mich, wie viele derjenigen, die der Kirche beitraten, danach angaben, dass sie nicht den Umbruch verpassen wollten, weil sie nicht wüssten, wie lange die Schmelze anhalten würde. Weil auf das Tauwetter der 50er die (bis dato) brutalste Repression in den 60ern folgte. Was sind deine Erinnerungen an die Singende Revolution, an die Zeit, in der sich komplett neue Möglichkeiten eröffneten?

 

Tiit Pädam: Ich denke, wir hatten bereits viel früher nahezu alle Möglichkeiten. Es gab nur einige politische Freiheiten, die uns fehlten oder in denen wir eingeschränkt waren. Ich teile deine Meinung, dass die Entdeckung der Kirche viel früher begann und nicht davon abhing, dass Estland politisch unabhängig wurde. Die Behauptung, dass die Kirche auf einmal die Festung und die Quelle des Vertrauens wurde, nach der sich die Leute in Zeiten von Umbrüchen und Instabilitäten sehnten, ist eher wahr – aber die Kirche war die gesamte Zeit da. Die Kirche hatte nicht mit den Autoritäten angebandelt und trug in sich selbst, als Zusatz zu der ewigen Botschaft, auch nationale Identität, die nicht abhängig von den Umbrüchen in den sich verändernden Zeiten war. Die Menschen hatten die Kirche für eine lange Zeit gestützt, nun war es Zeit für die Kirche, für kurze Zeit diese Menschen zu stützen. Die Esten waren äußerlich weder überschwänglich emotional noch gläubig durch glanzvolle Zeremonien. Sie sind eher ausgeglichene und nachdenkliche Untersuchende, deren bodenständige Weisheit keine schnellen Lösungen und Richtungsänderungen benötigt. Die Leute wussten und glaubten, dass die Kirche für sie da war, egal ob sie selbst Mitglieder der Kirche waren oder nicht. Und natürlich brachte die Mitgliedschaft zu dieser Zeit selbst die Prägung der sowjetischen Macht mit sich. Diese eigenartige Religiosität wird von einer soziologischen Befragung aus dieser Zeit beschrieben, in der 60 Prozent der Esten angaben, Lutheraner zu sein. Der Prozentsatz der Russen, die sich als orthodox ansahen, war sogar noch höher.

Aber die Leute erbaten aufrichtig die Position, den Standpunkt der Kirche in einigen Fragen. Ich bin immer noch froh, dass sich die Führung der Kirche durch die große Aufmerksamkeit zu jener Zeit nicht blenden ließ. Sie ließ sich weder von den Interessen bestimmter Populisten unterwerfen noch durch die Wende der Kirche zu einer religiösen Partei. Die Estnische Evangelisch-Lutherische Kirche (EELK) gab während der ersten Dekade der Unabhängigkeit nur zwei politische Erklärungen ab: als Estland unabhängig wurde und als es einen Staatsstreich in Moskau gab.

Die dritte »Einmischung« in das politische Geschehen fand viel später statt, als es eine öffentliche Abstimmung über die Mitgliedschaft in der Europäischen Union gab. Selbst dann ließ sich die Kirche nicht dazu zwingen, die Frage nach einem »Ja« oder »Nein« zu beantworten, obwohl der Druck massiv war. Stattdessen forderte die Kirche die Leute dazu auf, an der Abstimmung teilzunehmen, und schlug ihnen vor, was sie in ihre Überlegungen einbeziehen sollten, wenn sie sich entscheiden. Die Aufgabe der Kirche ist es, den Leuten in Zeiten von Unsicherheit und Umbruch beizustehen, sichtbar und wahrnehmbar zu sein. Gleichzeitig muss sie getreu zu ihrer prophetischen Berufung und der Mission stehen. Und das hat die Kirche auch getan.

Übersetzung: stud. phil. Anja Zeltner

 

 

Auszug aus dem »Lutherischen Dienst« 3/2009. Wenn Sie die weiteren Artikel lesen möchten, z.B. über 300-jährige Jubiläum der Gnadenkirche in Teschen (Polen/Tschechien), über den Aufbau diakonischer Arbeit in Rauna (Lettland), über 60 Jahre Evangelisch-Lutherische Kirche in Italien oder darüber, was die Predigt vom Film lernen kann, bestellen Sie den » Lutherischen Dienst kostenlos.