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17.03.2009 - Kategorie: LD online, Moldawien

LD online: Lutheraner in Moldawien




Zu Besuch bei Europas Ärmsten

 

von Frank Schleßmann

 

Auszug aus dem »Lutherischen Dienst« 1/2009



Lutherischer Dienst 1/2009

Ökumenische Andacht am Volkstrauertag 2008 auf dem deutschen Soldatenfriedhof in Chişinău. Eine Vertreterin der deutschen Botschaft, der evangelische Pfarrer von Chişinău, ein katholischer Pater aus Deutschland, der die deutschen Katholiken in Chişinău und Umgebung betreut, der katholische Bischof von Bessarabien – Republik Moldova, der Chor des deutschen Kulturzentrums Chişinău und als Gast Pfarrer Schleßmann aus Österreich gestalteten diese Andacht. – Foto: Schleßmann

Seit vielen Jahren besuche ich evangelische Gemeinden im Osten und SĂŒdosten Europas. Im November stand nun ein Besuch bei der evangelischen Gemeinde in Chişinău (Kischinau/Kischinjow), der Hauptstadt des seit dem Jahr 1991 wieder unabhĂ€ngigen Staates Republik Moldau, auf dem Programm. Im Vorfeld hatte ich Kontakte zum dortigen evangelischen Pfarrer Valentin Drăgan und seiner Frau Anna und zum Ehepaar Peter und Tatiana Iurejev geknĂŒpft. Frau Iurejev ist eine der im Land gebliebenen deutschstĂ€mmigen Frauen und auch Leiterin des Deutschen Vereins »Hoffnung«. So flogen wir, mein Sohn David und ich, von Wien nach Chişinău, wo wir am Flughafen von Peter Iurejev abgeholt wurden und bei seiner Familie zu Gast waren und die große Gastfreundschaft dieses Landes kennen lernen durften.

 

In Chişinău, der Hauptstadt des frĂŒheren Bessarabien, gab es schon zu Zeiten von Zar Peter dem Großen und der Zarin Katharina der Großen im 17. und 18. Jahrhundert Deutsche, die in der »Nemetzkaja Sloboda« (das heißt: Deutscher Vorort) siedelten und sich streng zum evangelisch-lutherischen Glauben hielten. Ab 1812 kam es zur Einwanderung der in der Folge so genannten »Bessarabiendeutschen«, die hauptsĂ€chlich aus WĂŒrttemberg kamen und sich in zahlreichen Dörfern ansiedelten. Aber auch in Chişinău ließen sich immer wieder deutsche Evangelische nieder. 1825 wurde der erste Lehrer angestellt, der zunĂ€chst Lesegottesdienste hielt und die Kinder unterrichtete. 1827 konstituierte sich die Evangelische Gemeinde Chişinău. Von allerhöchster Stelle bekam die Gemeinde UnterstĂŒtzung, selbst Zar Nikolaus I. schenkte der Gemeinde eine große Geldsumme, so dass im September 1834 der Grundstein zur »Heiligen-Nikolai-Kirche« gelegt wurde, die 1838 eingeweiht wurde.

 

Chişinău wurde in der Folge zu einem so genannten Kirchspiel mit der grĂ¶ĂŸten Diaspora in Bessarabien und hatte bis zum Jahr 1940 stets einen eigenen Pfarrer. In diesem Jahr kam es zur Umsiedlung der Bessarabiendeutschen. Knapp 100.000 Deutsche, von denen die meisten der Evangelisch-Lutherischen Kirche angehörten, verließen ihre Heimat in eine ungewisse Zukunft, wie z.B. auch die Familie des derzeitigen BundesprĂ€sidenten Dr. Horst Köhler. Seine Familie wurde – wie die meisten dieser Umsiedler – in Polen angesiedelt, wo er selbst 1943 geboren wurde. Von dort mussten sie jedoch 1945 in den Westen flĂŒchten. Einige wenige kehrten unter Zwang in ihre alte Heimat zurĂŒck. 1944 wurde Moldawien von den Sowjets besetzt, und das Gebiet wurde eine der 15 Sowjetrepubliken. Das kirchliche Leben hatte aufgehört zu bestehen. Die Heilige-Nikolai-Kirche wurde geschlossen und 1962 gesprengt. Auf dem GelĂ€nde bauten die Machthaber spĂ€ter den PrĂ€sidentenpalast der Republica Moldova, der auch noch heute dort steht.

 

In den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts zogen russlanddeutsche evangelisch-lutherische Familien aus anderen Sowjetrepubliken in die Moldauische Republik. Zu einer offiziellen GemeindegrĂŒndung kam es aber nicht. Man versammelte sich in PrivathĂ€usern zu Gottesdiensten, die von Laien gehalten wurden. Die meisten dieser Russlanddeutschen und auch die wenigen noch im Land verbliebenen Bessarabiendeutschen siedelten in den 80er Jahren nach Deutschland um. Eine letzte große Auswanderungswelle kam nach dem Ende der Sowjetunion Anfang der 90er Jahre.

 

Eine kleine Gruppe von Deutschen und DeutschstĂ€mmigen blieb im Land. Manche besannen sich ihrer evangelischen Wurzeln. So kam es im Februar 2000 zur GrĂŒndung der evangelisch-lutherischen Gemeinde Hl. Nikolae (Nikolaus) in Chişinău, die im April 2003 amtlich anerkannt wurde.

 

Jeden Sonntag werden die Gottesdienste der Gemeinde um 10 Uhr gefeiert. Sie werden nach der »Ordnung der evangelisch-lutherischen Kirche Sankt Petersburg 1999« gefĂŒhrt. Evangelische deutschsprachige GesangbĂŒcher aus SiebenbĂŒrgen, das Gesangbuch in russischer und deutscher Sprache, das vom MLB herausgegeben wurde, und kopierte zweisprachige BlĂ€tter werden im Gottesdienst verwendet. Gottesdienste mit Heiligem Abendmahl werden seit zwei Jahren gefeiert. Die Gemeinde selbst hat keine eigenen RĂ€ume. Sie versammelt sich in einem schlichten Raum im Untergeschoss eines Wohnblocks. Das Gemeindeleben (soziale Arbeit, Kinder- und Jugendarbeit und Gottesdienste) werden in RĂ€umen der Gemeinschaft der Deutschen »Einigkeit« gefeiert. Bibelstunden, der Konfirmandenunterricht und die Gottesdienste werden von Pfarrer Valentin Drăgan geleitet, der ein Fernstudium in Novosaratovka in Russland absolvierte. Er wurde von der Gemeinde selbst eingesegnet und in den Dienst eingefĂŒhrt, aber nicht ordiniert. Er hat u.a. auch deutsche Vorfahren und spricht alle drei Sprachen: deutsch, rumĂ€nisch und russisch.

 

Im Mai 2006 startete die Gemeinde ein Sozialprojekt. FĂŒnfmal in der Woche werden warme Mahlzeiten an 21 pensionierte und behinderte Menschen ausgegeben. Diese Arbeit liegt hauptsĂ€chlich in den HĂ€nden des Ehepaares Drăgan.

 

Im Gottesdienst durfte ich predigen. Ich habe die Predigt in deutscher Sprache gehalten und anschließend wurde sie ins Russische ĂŒbersetzt, weil diese Sprache von allen Gemeindegliedern verstanden wird. Meine BegrĂŒĂŸung und Vorstellung habe ich in rumĂ€nischer Sprache gehalten, der offiziellen Landessprache, die aber nicht von allen Bewohnern gesprochen und verstanden wird.

 

Nach dem Gottesdienst saß die Gemeinde noch bei Tee und GebĂ€ck zusammen. Dort kamen wir miteinander ins GesprĂ€ch, und die Gottesdienstbesucher freuten sich ĂŒber die mitgebrachten kleinen Geschenke. Seit mehr als vier Jahren wendet sich der Gemeinderat regelmĂ€ĂŸig an staatliche Organe, um ein GrundstĂŒck fĂŒr den Bau einer neuen Kirche zu bekommen. Die Gemeinde verliert die Hoffnung nicht, betet und legt alles in Gottes liebende HĂ€nde.

 

In Bălţi, im Norden der Republik, werden zweimal monatlich Gottesdienste gefeiert. Rund 300 km muss Pfarrer Drăgan zurĂŒcklegen, wenn er diese Gemeinde besucht. Dort leben noch mehrere Bessarabiendeutsche. Die Gemeinde darf momentan die alte armenische Kirche benutzen, die sich jedoch in einem sehr schlechten Zustand befindet, ja nicht einmal Strom hat. Dort wird auch die humanitĂ€re Hilfe verteilt. Die kleine Gemeinde hofft, dass mit UnterstĂŒtzung aus dem Ausland ein Raum angemietet werden kann, in dem man sich treffen und Gottesdienste feiern kann. Einzelne Evangelische leben ĂŒber das Gebiet der ganzen Republik zerstreut.

 

 

Mag. Frank Schleßmann ist Pfarrer der Evangelischen Kirche A.B. in Österreich in der Gemeinde Mattighofen.

 

 

Um die Verbindung zwischen den Gemeinden Bălţi und Chişinău zu erleichtern, haben Gustav-Adolf-Werk und Martin-Luther-Bund 2008 Pfarrer Drăgan die nötigen Finanzen fĂŒr den Kauf eines Autos fĂŒr die Kirche zur VerfĂŒgung gestellt.

 

 

Auszug aus dem »Lutherischen Dienst« 1/2009. Wenn Sie die weiteren Artikel – etwa ĂŒber »KonfessionalitĂ€t und kulturelle IdentitĂ€t« in RumĂ€nien, ĂŒber die Frage »Warum lutherische Kirche in Russland?«, ĂŒber die Elfte Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes im Jahr 2010 in Stuttgart, ĂŒber die kirchliche Partnerschaft zwischen Bayern und Ungarn– lesen möchten, bestellen Sie den » Lutherischen Dienst kostenlos.